01. Juni 2026 – Maximilian Vincent Erdmann

Kreislaufwirtschaft als Klimastrategie: EEA veröffentlicht drei neue Studien

Kreislaufwirtschaft ist längst kein Nischenthema mehr – sie rückt zunehmend ins Zentrum der europäischen Klima- und Wirtschaftspolitik. Das unterstreicht die Europäische Umweltagentur (EEA) mit drei neuen Studien, die am 19. Mai 2026 gleichzeitig veröffentlicht wurden. Das gemeinsame Fazit: Eine konsequente Kreislaufwirtschaft ist sowohl ökologisch notwendig als auch wirtschaftlich attraktiv – und Europa hat noch viel ungenutztes Potenzial.

17 Maßnahmen, drei Umweltziele

Die erste Studie – „The Environmental and Climate Benefits of Circular Economy“ – quantifiziert erstmals systematisch, wie viel Kreislaufwirtschaft zur Erreichung der EU-Klimaziele beitragen kann. Das Ergebnis: Ein Paket aus 17 konkreten Kreislaufmaßnahmen in den Bereichen Wohnen, Mobilität, Ernährung und Rohstoffgewinnung könnte die EU-Treibhausgasemissionen um 22 % senken – das entspricht knapp einer Milliarde Tonnen CO₂-Äquivalenten. Gleichzeitig ließe sich der Biodiversitätsverlust um 19 % und die Feinstaubbelastung um 25 % reduzieren.

Besonders bedeutsam: Die modellierten Maßnahmen würden auch die Rohstoffabhängigkeit Europas spürbar verringern. Der Import von Aluminium-, Nickel- und Platingruppenmetallen aus anderen Weltregionen könnte um rund 20 % sinken, bei Kupfer um 12 %. Für eine Wirtschaft, die stark auf externe Rohstofflieferanten angewiesen ist, ist das ein erheblicher strategischer Vorteil.

Investitionslücke von 82 Milliarden Euro pro Jahr

Die zweite Studie – „Unlocking the Circular Economy: Investment Needs, Barriers and Enabling Conditions“ – richtet den Blick auf die Finanzierungsseite. Die EEA kommt zu einem ernüchternden Befund: Um die bereits verabschiedeten EU-Ziele zur Kreislaufwirtschaft bis 2040 zu erreichen, fehlen jährlich rund 82 Milliarden Euro an Investitionen.

Die größten Lücken bestehen in den Bereichen Bauwirtschaft, Textilien sowie Batterien und Fahrzeuge – also genau jenen Sektoren, in denen der Materialeinsatz besonders hoch und die Recyclingquoten besonders niedrig sind. Die Studie betont: Zwar dominiert aktuell privates Kapital, aber öffentliche Finanzierung spielt eine entscheidende katalytische Rolle – etwa durch die Absicherung von Risiken und die Förderung langfristiger Finanzierungsmodelle.

Gebäude, Straßen, Maschinen: Das schlummernde Rohstofflager

Die dritte Studie – „Material Stocks in a Circular Economy“ – beleuchtet eine oft übersehene Ressource: die sogenannten Materialbestände. Jeder EU-Bürger verbraucht im Schnitt 14,4 Tonnen Material pro Jahr – davon landen über 6 Tonnen dauerhaft in Gebäuden, Infrastruktur oder Maschinen.

Diese Bestände sind nicht nur Verbrauch – sie sind auch Potenzial. Wenn Gebäude, Fahrzeuge und Industrieanlagen gezielt auf Wiederverwendbarkeit und Rückbaubarkeit ausgelegt werden, können sie zu einer heimischen Rohstoffquelle der Zukunft werden. Das würde Europas Wettbewerbsfähigkeit stärken und die Abhängigkeit von Importen weiter reduzieren.

Einordnung: Was bedeutet das für die Forschung?

Die drei EEA-Studien liefern wichtige Argumente für die wissenschaftliche und politische Debatte rund um Kreislaufwirtschaft. Sie zeigen: Das Thema ist messbar, modellierbar und wirtschaftlich quantifizierbar. Gleichzeitig verdeutlichen sie, dass technologische Innovationen allein nicht ausreichen – es braucht auch gezielte Investitionen, bessere Daten und kohärente Rahmenbedingungen.

Für das Freiberg Center for Circular Economy (FCCE) sind die Studienergebnisse ein direkter Bezugspunkt: Ob bei der Entwicklung neuer Recyclingverfahren, der Analyse von Materialflüssen oder der Forschung zu Sekundärrohstoffen – die Fragen, die die EEA stellt, sind dieselben, an denen in Freiberg gearbeitet wird.

Weitere Informationen finden Sie hier: Link

21. Mai 2026 – Maximilian Vincent Erdmann

CircEcon-Campus: Was gerade in der Lausitz entsteht – und warum es wichtig ist

Die Lausitz ist seit Jahrzehnten geprägt vom Braunkohleabbau. Doch die Region befindet sich im Wandel – und ein ambitioniertes Forschungsprojekt soll dabei eine zentrale Rolle spielen: der CircEcon-Campus, kurz für „Green Circular Economy“, der noch in diesem Jahr seinen Betrieb aufnehmen soll.

Ein Campus, vier Universitäten, ein Ziel

Im Industriepark Schwarze Pumpe bei Spreetal entsteht derzeit auf rund 14.500 Quadratmetern ein Forschungszentrum, das in seiner Art europaweit einzigartig ist. Vier sächsische Hochschulen bündeln dort ihre Kräfte: die Technischen Universitäten Dresden, Chemnitz und Freiberg sowie die Hochschule Zittau/Görlitz. Mit einer Gesamtförderung von rund 108 Millionen Euro durch Bund und Freistaat Sachsen ist CircEcon eines der größten Forschungsinvestitionen im Bereich Kreislaufwirtschaft in Deutschland.

Den Grundstein legte man feierlich am 11. Juni 2025 – im Beisein der sächsischen Staatsministerin für Infrastruktur und Landesentwicklung sowie Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. Seitdem laufen die Bauarbeiten unter Federführung der TU Dresden auf Hochtouren.

Was wird dort konkret erforscht?

Das Herzstück des Campus sind Pilotanlagen, Versuchslinien und Reallabore, in denen kreislaufwirtschaftliche Technologien im industriellen Maßstab entwickelt und erprobt werden sollen. Vier Schwerpunktbereiche stehen im Vordergrund:

  • Faserverbundwerkstoffe: Hochfeste Materialkombinationen aus Glas-, Kohle- oder Naturfasern sind in modernen Produkten weit verbreitet, aber schwer zu recyceln. CircEcon entwickelt neue Verfahren, um diese Werkstoffe in den Kreislauf zurückzuführen.
  • Biogene Materialien: Nachwachsende Rohstoffe wie Holz, Hanf oder Stroh sollen als Grundlage für neue, recyclingfähige Produkte erforscht werden.
  • Leichtmetallkreisläufe: Die TU Bergakademie Freiberg bringt ihre Expertise in Metallurgie und Aufbereitungstechnik ein, mit Fokus auf Aluminium und Magnesium – Materialien, die in Elektrofahrzeugen und Leichtbaukonstruktionen massiv an Bedeutung gewinnen.
  • KI-gestützte Recyclingprozesse: Digitale Sortiertechnologien, Künstliche Intelligenz und grüner Wasserstoff sollen dazu beitragen, Materialkreisläufe klimaneutral zu schließen.

Das Ziel: Technologien nicht nur im Labor zu entwickeln, sondern sie bis zur Marktreife zu bringen – in enger Zusammenarbeit mit Unternehmen der Region.

Strukturwandel mit wissenschaftlicher Substanz

CircEcon ist mehr als ein Forschungsprojekt. Es ist ein Baustein des Strukturwandels in der Lausitz – einer Region, die durch den Kohleausstieg unter erheblichem wirtschaftlichem Druck steht. Der Campus soll hochqualifizierte Fachkräfte anziehen, Unternehmensgründungen fördern und Zuliefernetzwerke stärken.

Regionalentwicklungsminister Thomas Schmidt betonte bei der Grundsteinlegung, CircEcon biete der Lausitz die Chance, einen neuen, umweltfreundlichen Wirtschaftszweig zu etablieren. Tatsächlich könnten aus dem Forschungsbetrieb heraus Ausgründungen und Kooperationen entstehen, die langfristig Arbeitsplätze schaffen – diesmal nicht im Tagebau, sondern in der Wissens- und Technologiewirtschaft.

Die Rolle der TU Bergakademie Freiberg

Für das Freiberg Center for Circular Economy (FCCE) und die TUBAF insgesamt ist CircEcon ein zentrales strategisches Projekt. Die Ressourcenuniversität Freiberg bringt Jahrzehnte an Expertise in der Metallurgie, Aufbereitungstechnik und Werkstoffwissenschaft ein. Im Verbund kann die TUBAF erstmals den vollständigen Leichtmetallkreislauf im Pilotmaßstab abbilden – von der Aufbereitung von Sekundärrohstoffen bis hin zur Verarbeitung zu neuen Produkten.

Ende 2026 – spätestens 2027 – soll der reguläre Forschungsbetrieb beginnen. Bis dahin laufen die Bauarbeiten, und die beteiligten Institute bereiten ihre Pilotprojekte vor. Es entsteht etwas, das die Lausitz und Sachsen als Wissenschaftsstandort langfristig prägen wird.

Weitere Informationen finden Sie hier: Link

13. Mai 2026 – Maximilian Vincent Erdmann

Einladung zum „Forum nachhaltige Wertschöpfung: Kreislaufwirtschaft und Logistik“

Die Transformation in Richtung einer effizienten Kreislaufwirtschaft ist eine Grundvoraussetzung zur Erreichung der gesetzten Nachhaltigkeitsziele und kann in Deutschland und Europa zu einem Innovations- und Wachstumsmotor werden.

Unter dem Motto „Gestaltung nachhaltiger industrieller Wertschöpfungsketten: Von der Kreislaufwirtschaft über erneuerbare Energien bis hin zu grüner Logistik“ organisiert das Freiberg Center for Circular Economy (FCCE) gemeinsam mit dem Innovation & Kreislaufwirtschaft Sachsen e.V. (IKS) das interdisziplinäre Fachkolloquium „Forum nachhaltige Wertschöpfung: Kreislaufwirtschaft und Logistik“. Die Veranstaltung findet am 8. Juni 2026 an der TU Bergakademie Freiberg (SPQ-1301, Krüger-Hörsaal, Schloßplatzquartier) statt.

Das Kolloquium beginnt um 9:00 Uhr mit der Begrüßung. Anschließend folgen Fachvorträge zu den verschiedenen Schwerpunkten des Kolloquiums sowie Zeit für Austausch und Vernetzung. Das Fachkolloquium wird überwiegend auf Deutsch durchgeführt; einige Beiträge werden auf Englisch präsentiert.

Im Mittelpunkt stehen technische Innovationen, wirtschaftliche Umsetzungsmöglichkeiten und politische Rahmenbedingungen für eine nachhaltige industrielle Transformation. Behandelt werden vier zentrale Themenfelder: Prozess- und Verfahrenstechnik für die Kreislaufwirtschaft, Modellierung und Analyse kreislaufwirtschaftlicher Wertschöpfungsketten, grüne Logistik und Nachhaltigkeit im Transportsektor sowie Politik und Governance nachhaltiger Wertschöpfung.

Ziel der Veranstaltung ist neben dem fachlichen Austausch vor allem die Vernetzung von Akteuren aus Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung in der Region. Damit bietet das Forum eine Plattform, um aktuelle Entwicklungen zu diskutieren, Kooperationen anzustoßen und konkrete Perspektiven für eine ressourceneffiziente und nachhaltige Wertschöpfung zu entwickeln.

Geleitet wird das Fachkolloquium von Prof. Dr. Karina Sopp, Prof. Dr. Gari Walkowitz, Prof. Dr. Simon Glöser-Chahoud sowie Erich Fritz, Vorstandsvorsitzender des Innovation & Kreislaufwirtschaft Sachsen e.V.

Das FCCE freut sich auf einen spannenden Austausch und zahlreiche Teilnehmende.

Weitere Informationen und die Anmeldung finden Sie hier: Link

07. Mai 2026 – Maximilian Vincent Erdmann

Circularity Gap Report 2026: Die Welt verliert jährlich 25,4 Billionen Euro durch lineare Wirtschaft

Wie viel kostet uns die Wegwerfwirtschaft – in Euro und Cent? Dieser Frage geht der Circularity Gap Report 2026 nach, der im April 2026 von der gemeinnützigen Organisation Circle Economy in Zusammenarbeit mit Deloitte Netherlands veröffentlicht wurde. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die Weltwirtschaft verliert jährlich schätzungsweise 25,4 Billionen Euro an vermeidbarem Wert – allein durch lineare, verschwenderische Wirtschaftspraktiken.

Was ist der „Value Gap“?

Bisherige Ausgaben des Circularity Gap Reports haben vor allem die sogenannte Kreislaufquote in den Blick genommen: den Anteil der Materialien, die tatsächlich recycelt oder wiederverwendet in den Wirtschaftskreislauf zurückfließen. Mit 6,9 % ist dieser Wert erschreckend niedrig – und er ist in den letzten Jahren sogar weiter gesunken, von 9,1 % im Jahr 2018.

Die Ausgabe 2026 ergänzt diese Perspektive um eine neue wirtschaftliche Kennzahl: den Value Gap. Dieser beschreibt die Summe aller vermeidbaren Wertverluste, die durch ineffiziente Materialnutzung, vorzeitigen Produktverschleiß und ungenutzte Ressourcen entstehen. Kurz gesagt: Für jeden dritten Euro wirtschaftlicher Leistung, den die Welt erbringt, geht gleichzeitig ein Euro durch Linearität und Verschwendung verloren.

Wo geht der Wert verloren?

Der Bericht identifiziert fünf zentrale Verlustpfade:

  • End-of-Life-Abfälle (10,0 Bio. Euro): Produkte – von Elektronik bis Textilien – die entsorgt statt wiederverwendet oder recycelt werden, machen den größten Anteil aus.
  • Energieverluste (8,7 Bio. Euro): Von der Rohstoffgewinnung bis zur Nutzung geht enormen Mengen an Energie verloren, etwa durch ineffiziente Prozesse oder schlechte Gebäudedämmung.
  • Kapitalverschleiß (5,2 Bio. Euro): Gebäude, Infrastruktur und Maschinen, die schneller verfallen als nötig – durch mangelnde Wartung, Überalterung oder Unternutzung.
  • Lebensmittelverschwendung (0,65 Bio. Euro): Essbare Nahrungsmittel, die den Verbraucher nie erreichen.
  • Prozessverluste in der Produktion (0,9 Bio. Euro): Materialschwund und Ausschuss bei der industriellen Fertigung.

Was bedeutet das für die Kreislaufwirtschaft?

Der Circularity Gap Report 2026 verschiebt die Debatte: Kreislaufwirtschaft ist nicht mehr nur ein ökologisches Gebot, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Wenn rund 31 % des globalen BIP jährlich durch lineare Praktiken verloren gehen, dann ist die Transformation hin zu einer zirkulären Wirtschaft eine der größten wirtschaftlichen Chancen unserer Zeit.

Die Autoren schlagen vor, Kreislaufstrategien in drei Richtungen zu stärken: durch das Recht auf Reparatur, durch den Übergang von Produktbesitz zu Nutzungsmodellen (Product-as-a-Service) sowie durch den Abbau von Subventionen für die Gewinnung von Primärrohstoffen. Gleichzeitig betonen sie, dass herkömmliche Wirtschaftskennzahlen wie das BIP strukturelle Wertverluste systematisch ausblenden – und fordern ergänzende Metriken, die Ressourceneffizienz sichtbar machen.

Einordnung

Für die Forschung und Lehre im Bereich Kreislaufwirtschaft – wie sie das Freiberg Center for Circular Economy (FCCE) betreibt – liefert der Bericht wichtige Impulse. Er zeigt, dass die Transformation zu einer kreislauforientierten Wirtschaft nicht nur technologische Innovationen erfordert, sondern auch neue wirtschaftliche Denkrahmen, veränderte Anreizsysteme und kohärente politische Rahmenbedingungen. Gerade auf EU-Ebene gewinnt dieses Thema aktuell an Dynamik: Mit dem geplanten Circular Economy Act, dessen Gesetzentwurf die EU-Kommission in der zweiten Hälfte 2026 vorlegen will, steht eine historisch bedeutsame Weichenstellung bevor.

 

Weitere Informationen finden Sie hier: Link