21. Mai 2021 – Oliver Rheinbach Allgemein

Die Coronavariante B.1.617.2 (Delta-Variante) könnte die Durchseuchung der Kinder bedeuten

(Bemerkung: Dieser Blog-Eintrag ist vom 21.5.2021. Unten folgen Nachträge)

Nach der aktuellen deutschen Impfstrategie werden die Kinder als letztes geimpft. Das ist erscheint sinnvoll, weil Kinder ein geringeres Risiko tragen folgenreich an Covid-19 zu erkranken als die Durchschnittsbevölkerung (zur Häufigkeit von Long-Covid bei Kindern ist immer noch wenig bekannt) – und dieses Risiko muss gegen das Risiko möglicher unerwünschter Nebenwirkungen von Impfungen abgewogen werden.

Leider wäre die neu nach Deutschland eingeschleppte Corona-Variante B.1.617.2 ein Game-Changer, wenn sie wirklich noch einmal 50% ansteckender sein sollte als B.1.1.7 (das ja schon ansteckender war, als der Wildtyp). Den wichtigsten Hinweis dazu liefert die aktuelle Karriere von B.1.617.2 in Großbritannien, wo sie innerhalb kurzer Zeit in einigen Regionen B.1.1.7 den Rang abgelaufen hat. Genauere Schätzungen der Basisreproduktionszahl werden wir daher sicher bald aus GB erhalten.

Warum ist die höhere Infektiösität ein Problem? Auch wenn die Impfungen  im Laborexperiment etwas weniger wirksam sein könnten, so weisen die detaillierten Infektionszahlen aus GB daraufhin, dass die dort gebräuchlichen Impfungen (darunter auch AstraZeneca, das ja in Indien stark eingesetzt wird, weil das Serum Institute of India eine Produktionslizenz hat) weiterhin wirksam zu sein scheinen: Die Infektionen steigen nur stark in den ungeimpften Bevölkerungsgruppen. Eine gute Nachricht.

Aber: Nach aktueller Maßgabe der Politik sollen die Schulen in Deutschland (und die Kindergärten) als erste aufmachen und als letzte schließen. Als Argument wird die Bildungsgerechtigkeit genannt (die könnte aber auch durch besseren, zentral organisierten Online-Unterricht hergestellt werden).

Das bedeutet, dass die Schulen bald in den weitgehend normalen Präsenzbetrieb gehen werden (weiterhin weitgehend ohne Luftfilteranlagen), dabei sind die Kinder mit dem Impffortschritt in den anderen Bevölkerungsgruppen bald der für den Erreger empfänglichste Teil der Bevölkerung. Jeder aktuelle Geburtenjahrgang hat in Deutschland etwa 700000 Kinder, d.h. es gibt mehr als 10 Mio Kinder und Jugendliche die noch länger ungeimpft bleiben werden, da es noch keinen zugelassenen Impfstoff gibt (und er auch produziert und geliefert werden muss).

Und das Problem ist, dass es bei einer Basisreproduktionszahl von R0=6, selbst bei einer angenommenen Impfquote von 70 Prozent (und einer angenommenen Wirksamkeit der Impfung von 100%), immer noch zu einer Infektionswelle bei den Nichtgeimpften kommen würde. Das liegt daran, dass sich mit höherer Basisreproduktionszahl die Schwelle der Herdenimmunität immer weiter nach oben verschiebt.

Hier ist die Modellrechnung eines SEIR-Modells (Susceptibles, Exposed, Infected, Removed) mit R0=6, alpha=1/3, gamma = 1/10; beta = R0*gamma. Die angenommene Bevölkerungszahl ist 80 Mio. Bemerkung: Eine  Beschreibung des etwas einfacheren SIR-Modells ist hier zu finden.

Zum Tag 0 sei hier 1/1000stel der Bevölkerung mit der Variante angesteckt, die die erhöhte Basisreproduktionszahl R0=6 hat. 70% der Bevölkerung sei (etwa durch Impfung) am Tag 0 vollständig immun.

Die grüne Linie ist die Anzahl der Geimpften+Genesenen (“R”, wobei hier Verstorbene auch als Genesen gelten). Wir sehen, dass es ab Tag 120 zu einer Infektionswelle (rot sind die Infizierten, “I”) kommt und der Anteil der Geimpften+Genesenen (grün) von 70% auf über 90% (genauer gesagt 91.9%) steigt. Das bedeutet, das sich in dieser Welle mehr als 2/3 der Ungeimpften noch infizieren, bevor die Ausbreitung des Virus langsam aufhört. Blau sind übrigens die Ansteckbaren (“S”) und magentafarben (kaum sichtbar) sind die Exponierten (“E”).

Professor Christian Drosten hat es so ausgedrückt:

“[Wer sich] dagegen entscheidet, sich impfen zu lassen, der wird sich [früher oder später] unweigerlich infizieren.”.
Siehe etwa hier bei NTV.de.

Deswegen wäre es wichtig gewesen, B.1.617.2 außer Landes zu halten – oder zumindest diese Variante entschieden einzudämmen. Wahrscheinlich ist der Zug allerdings abgefahren, denn mit aktuell geschätzten 2% der Ansteckungen in Deutschland (RKI-Bericht zu Virusvarianten vom 19.5.2021) wird die Variante B.1.617.2 in Deutschland wahrscheinlich einen ebensolchen Siegeszug erleben, wie B.1.1.7 im ersten Halbjahr 2021. Inzwischen sind etwa 90% der Proben in Deutschland B.1.1.7. Zur Erinnerung: Das erste Auftreten von B.1.1.7 in Deutschland war etwa zum Jahreswechsel 2020/2021.

RKI: Bericht zu Virusvarianten von SARS-CoV-2 in Deutschland (19.5.2021)
https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/DESH/Bericht_VOC_2021-05-19.pdf?__blob=publicationFile

Ich darf hier nochmal darauf hinweisen, dass die dritte Welle in Deutschland (verursacht durch die höhere Infektiösität von B.1.1.7) aufgrund von ebensolchen Rechnungen wie oben vorhergesagt wurde. Die Welle wurde dann durch Lockerungen noch verstärkt, und (leider) wurde ein weiterer, teurer Lockdown nötig.

Es zeigt sich, dass der Ansatz der westlichen Industrieländer (keine entschiedene Eindämmung, sondern nur Dämpfung der Ausbreitung auf R nahe 1 und Warten auf die Impfung; keine entschiedene Kontrolle der Grenzen, um den Eintrag neuer Virusvarianten zu verhindern) eine riskante Strategie bleibt, die letztlich teurer sein könnte, als eine entschiedene Eindämmung im Geiste von No-Covid (oder nach dem Vorbild asiatischer Länder).

Nachtrag: Das oben Beschriebene ist ein Szenario (!), aus dem die Politik Maßnahmen ableiten könnte (etwa Maßnahmen an Schulen, vorgezogene Impfkampagnen von Kindern, schnellere Beschaffung von Impfstoffen für Kinder, etc.). Da die Impfungen in Wirklichkeit keine Wirksamkeit von 100% haben, wird die o.g. Welle unter den Ungeimpften auch auftreten, wenn die Impfquote etwas höher als 70% ist. Natürlich können Ungeimpfte in den privaten Lockdown gehen. Die meisten Kinder sind allerdings schulpflichtig.

Die Politik oder die Gesellschaft könnte sich auch dazu entscheiden zu akzeptieren, dass 2/3 der Kinder sich infizieren.

Und falls B.1.617.2 nicht ansteckender sein sollte als B.1.1.7, sind wir sowieso in “good shape”, d.h. zumindest die oben beschriebene Welle fällt dann aus. Leider ist das inzwischen unwahrscheinlich.

Nachtrag (21.05.2021): Die Bundesregierung hat heute GB als Virusvariantengebiet eingestuft, wodurch starke Reisebeschränkungen gelten (siehe etwa hier und hier).

Nachtrag: Wer etwas über die mRNA-Impfstoffe erfahren will, kann diese phantastischen Artikel lesen, auf die ich erst jetzt aufmerksam geworden bin. Verständlich mit (ungefähr) Biologiewissen Gymnasium Oberstufe, aber mit genug Detail und Verweisen, sich tiefer damit zu beschäftigen:

Reverse Engineering the source code of the BioNTech/Pfizer SARS-CoV-2 Vaccine

Reverse Engineering Source Code of the Biontech Pfizer Vaccine: Part 2

Why Two Vaccines Passed the Finishing Line In a Year and Others Didn’t, and a Month 12 Roundup

The CureVac Vaccine, and a brief tour through some of the wonders of nature

Assemblies-of-putative-SARS-CoV2-spike-encoding-mRNA-sequences-for-vaccines-BNT-162b2-and-mRNA-1273

Wer sich für die Sicherheit der Coronaimpfkampagne in Deutschland interessiert, möchte vielleicht die Sicherheitsberichte des PEI lesen.

Nachtrag (24.05.2021): Der Bundesgesundheitsminister rief gestern dazu auf, BioNTech-Dosen (aktuell ab 16 Jahre zugelassen) für Schüler zu reservieren.

Nachtrag (31.5.2021): Nach der Zulassung von BioNTech/Pfizer für Jugendliche möchte die Bundesregierung die Impfung der Jugendlichen offenbar vorantreiben. Allerdings möchte die StiKo die Impfung für Jugendliche noch nicht empfehlen, sondern sie möchte mehr Daten abwarten, da die Risikoabwägung für Kinder schwieriger ist als für Erwachsene. Solche Daten werden allerdings wahrscheinlich bald aus den Ländern zur Verfügung stehen, die die Impfung der Jugendlichen bereits betreiben.

Nachtrag (31.5.2021): Wegen des exponentiellen Wachstums von B.1.617.2 in GB sieht ein Experte Großbritannien vor dritter Welle (Meldung von NTV vom ).

Nachtrag (1.6.2021): Nach Medienberichten, macht B.1.617.2 inzwischen 3/4 der Neuinfektionen in Großbritannien aus (erste Impfung 56 Prozent der Bevölkerung), ist also deutlich erfolgreicher als B.1.1.7.  Der Guardian berichtet von einer geschätzten SAR (Secondary Attack Rate) von 13.5% (+/- 1.0%) bei B.1.617.2 im Vergleich zu 8.1% (+/- 0.2%) bei B.1.1.7. In Deutschland (erste Impfung ca. 42 Prozent der Bevölkerung) scheinen die Anteile von B.1.617.2 noch einigermaßen stabil bei 2 bis 3 Prozent zu liegen.

In Australien berichtet Medien, dass man Corona-Ansteckungen schon bei “flüchtigem Kontakt” (fleeting contact, stranger-to-stranger transmission) beobachtet wurden.

Nachtrag (11.6.2021): Die zuerst in Indien entdeckte Variante B.1.617.2 heisst nun Delta-Variante und ist deutlich ansteckender als B.1.1.7, welche nun Alpha heisst, hier die Daten von Public Health England. Die Studie betrachtet Ansteckungen im Haushalt.

“This study found a 64% increase in the odds of household transmission associated with infection with B.1.617.2 SARS-CoV-2 variant compared to B.1.1.7, following adjustmentfor the index cases’ vaccination status, as well as sex, ethnicity, IMD and age group.” (Direkter Link zum Dokument)

Daher lässt die Studie noch keine direkten Rückschlüsse auf den R-Wert von Delta im Vergleich zu Alpha zu. Allerdings dominiert die Delta-Variante die Neuansteckungen in England inzwischen deutlich. Dem schon oben verlinkten Dokument kann man entnehmen (Link zur Referenz 2 eingefügt):

“By the end of May 2021, B.1.617.2 had become the dominant SARS-CoV-2 virus in England, accounting for over 90% of all new cases (2).” (Direkter Link zum Dokument, Seite 7)

und (Links zu Referenz 2 und Referenz 4 eingefügt)

“Surveillance and modelling data suggest B.1.617.2 has quickly become the dominant variant in England. In England, the B.1.617.2 variant has by far highest growth rate, reflecting both the biological properties of this variant and the context in which it is transmitting (2, 4). The observed rapid spread of this variant in England and internationally necessitate investigation into the transmissibility advantage of this variant compared to the previously dominant variant, B.1.1.7, to assess its potential impact on the incidence in England.” (Direkter Link zum Dokument)

Nachtrag (11.6.2021): Inzwischen ist die Diskussion, dass die durch die Delta-Variant zu erwartende vierte Welle im Herbst vor allem Kinder betreffen könnte, in den Medien angekommen:

Im Herbst könnte eine vierte Corona-Welle vor allem Kinder und Jugendliche treffen, da sie als Letzte geimpft werden. Deshalb ist es wichtig zu wissen, wie gefährlich Covid-19 für sie ist. Wie hoch ist ihr Risiko, schwer zu erkranken, wie wahrscheinlich sind langfristige Beeinträchtigungen? (NTV – Impfung oder Ansteckung – Wie gefährlich ist Covid für Kinder?)

Nachtrag: (17.6.2021): Inzwischen hat die Delta-Variante in Deutschland etwa 6 Prozent erreicht, GB hat durch Delta deutlich steigende Zahlen. Das hier beschriebene Szenario (Delta-Ausbreitung in den Schulen im Herbst) wird inzwischen auch in den Medien diskutiert. Der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI), Carsten Watzl wird bei NTV zitiert:

“Wenn man die Infektion nicht einfach unter den Schulkindern durchlaufen lassen will, muss man sich spätestens jetzt an Konzepte wie Luftfilter machen, um nicht im Herbst wieder die Schulen zumachen zu müssen”, mahnte Watzl. (NTV – Experten mahnen: Auf Delta-Welle vorbereiten)

Nachtrag (18.6.2021): In einem Interview gibt Dr. Jana Schroeder den R-Wert von Delta mit “5 bis 8” an und sagt

“Die Welle mit der Delta-Variante ist bereits quasi gebucht, auch für Deutschland.” (NTV)

und weiter

“Für Schulen besonders wichtig ist eine niedrige Inzidenz. Denn wenn die Inzidenz niedrig ist, sind auch Ausbrüche an Schulen seltener. Zudem bedarf es mindestens einer uneingeschränkten Maskenpflicht nach Urlaubsrückkehr und, je nach Infektionsgeschehen, auch einer längeren Maskenpflicht. Luftdeckenfilter müssen flächendeckend installiert werden. In den Schulen haben wir eine Hochrisikosituation: viele Menschen in einem Raum. Und die kann durch technische Lösungen entschärft werden. Dann sollte die Testpflicht beibehalten und möglichst auch auf eine Pool-PCR-Testung umgestellt werden. Die Antigen-Schnelltests übersehen doch einen relevanten Teil der Infizierten.” (NTV)

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