Die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland hat wieder die Marke von 2000 gemeldeten Neuinfektionen pro Tag erreicht, das vom RKI ausgewiesene 7-Tage-R liegt nun schon seit mehr als 5 Wochen fast durchgehend zwischen 1 und 1,3. Und in den Medien wird ĂŒber den Begriff der zweiten Welle diskutiert.
Aber was bedeutete es, wenn das R dauerhaft bei einem Wert von, sagen wir, R=1,2 bliebe?
Wir haben schon anhand eines SIR-Modells betrachtet, was hĂ€tte passieren können, wenn im MĂ€rz nicht umfangreiche Corona-EindĂ€mmungsmaĂnahmen in Deutschland getroffen worden wĂ€ren.
Hier rechnen wir mehr oder weniger dasselbe noch einmal mit einem SEIR-Modell (Parameter R0=3,8; alpha=1/3; gamma=1/7; beta=R0*gamma).
Mit diesen Parametern passen die Ergebnisse des SEIR-Modells recht gut zu den gemeldeten Infektionszahlen aus Deutschland vom Anfang MÀrz 2020 (die schwarzen Datenpunkte sind 55 Tage ab dem 1. MÀrz 2020). Das gewÀhlte R0 von 3,8 ist vielleicht etwas hoch gegriffen, andererseits nennt das RKI in seinem Corona-Steckbrief inzwischen 3,3 bis 3,8 als Basisreproduktionszahl.
Die rote Linie ist die Anzahl der Menschen in Deutschland, die sich bis zum Zeitpunkt infiziert haben („I+R“). Man sieht, dass nach diesem Modell sich fast die gesamte Bevölkerung infiziert hĂ€tte. Das Szenario ist aufgrund der rigiden EindĂ€mmungsmaĂnahmen zum GlĂŒck nicht eingetreten, wie man an den sich abflachenden schwarzen Datenpunkte sieht. Die folgende magentafarbene Kurve zeigt die Anzahl der gleichzeitig Infizierten („I“).
Ohne die MaĂnahmen wĂ€re es, diesem Modell zufolge, zu mehr als 10 Millionen Corona-Kranken gleichzeitig gekommen, und das nur 70 Tage nach dem 1. MĂ€rz. Das ist das Szenario mit ĂŒberfĂŒllten KrankenhĂ€usern, vor dem das RKI im MĂ€rz gewarnt hatte.
Dieses Szenario ist ĂŒbrigens (neben der höheren Sterblichkeit bei Corona und möglichen SpĂ€tfolgen) ein entscheidender Unterschied zur Grippe. (Ăbrigens kann auch die Grippe SpĂ€tfolgen haben.) Das RKI schĂ€tzt, dass sich an der Grippe jĂ€hrlich „nur“ zwischen 5 und 20 Prozent der Bevölkerung infizieren – auch ohne GegenmaĂnahmen (wie etwa Masken). Der Grund ist, dass aus den Erkrankungen der Vorjahre eine gewisse GrundimmunitĂ€t gegen Grippeviren in der Bevölkerung vorliegt. Diese ist beim neuartigen Coronavirus offenbar nicht vorhanden. Aber weiter im Text.
Inzwischen weiĂ jedes Kind, dass R<1 gut wĂ€re. Die Lockerungen und (wichtiger noch) das aktuelle Verhalten der Menschen (ReisetĂ€tigkeit, Maskendisziplin, App-Nutzung, …) fĂŒhrt aber offenbar zu einem R>1. Was wĂŒrden ein dauerhaftes R=1,2 bedeuten?
Hier die Ergebnisse des SEIR-Modells fĂŒr R=1,2. Die rote Kurve ist die Anzahl derer in Deutschland, die sich bis zu einem Zeitpunkt infiziert haben (also wieder „I+R“).
Und die magentafarbene Kurve ist die der gleichzeitig Infizierten („I“).
Es fĂ€llt zunĂ€chst auf, dass die x-Achse einen viel gröĂeren Zeitraum umfasst. Statt 70 Tage dauert es nun mehr als 400 Tage bis zum Maximum der Epidemie. Das bringt immerhin Zeit fĂŒr die Entwicklung von Impfungen, Medikamenten, Filteranlagen, organisatorischen Lösungen oder anderen neuen wirksameren MaĂnahmen.
Und: „Nur“ etwas mehr als 30 Prozent der Bevölkerung infiziert sich im Laufe der Epidemie, also etwa 25 Millionen Menschen in Deutschland. Auch die Anzahl der gleichzeitig infizierten ist um eine GröĂenordnung geringer – das berĂŒhmte „flatten the curve“.
Das heisst wohl: Wer aktuell vorsichtiger als der Durchschnitt der Menschen, hat bei einem (hoffentlich weiterhin) niedrigen Wert von R gute Chancen, eine Ansteckung ganz zu vermeiden! In Anbetracht der möglichen SpÀtzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung ist das eine gute Nachricht. Es lohnt sich also, vorsichtig zu sein.
Zur Klarstellung: Noch besser wĂ€re natĂŒrlich ein R<1.
Nachtrag (25.8.2020): Was bedeutet es, wenn sich ĂŒber die etwas mehr als zwei Jahre insgesamt 30% der Bevölkerung an SARS-CoV-2 infizieren und 10% der Bevölkerung gleichzeitig (kurz nach Tag 400) krank ist? – Das sind (etwas gerundet) die Zahlen, die bei R=1,2 vom Modell geliefert werden (s.o.)
Das RKI nennt aktuell in seinem Corona-Steckbrief (Stand des Dokumentes: 21.8.2020) fĂŒr Deutschland eine (in der RĂŒckschau berechnete) Hospitalisierungsrate von 17% (entsprechend 1,4 Millionen Menschen bei 8,2 Millionen gleichzeitig Erkrankten). Das RKI schĂ€tzt weiter, dass davon etwa 8% auf die Intensivstation mĂŒssen, was etwa 1,4% der Erkrankten entspricht, die gleichzeitig ein Intensivbett benötigen (das wĂ€ren mehr als 100000). Diese Zahl liegt deutlich höher als die aktuell ca. 10000 verfĂŒgbaren Intensivbetten in Deutschland; hier ist der jeweils aktuelle Stand des Intensivregisters zu finden. Insgesamt gibt es nach Intensivregister ca. 30000 Intensivbetten in Deutschland.
Geht man von einer Gesamtsterblichkeit von 0,5% aus (die der Virologe Christian Drosten einmal geschĂ€tzt hatte) fĂŒhren die ĂŒber den gesamten Zeitraum von mehr als 2 Jahren summierten insgesamt 25 Millionen Erkrankten zu etwa 120000 Corona-Toten. Der Virologe Hendrik Streeck war in seiner Studie zu einer Sterblichkeit von 0,37% gekommen, was noch 90000 Corona-Toten entsprechen wĂŒrde.
16.10.2020: Korrekturen im letzten Abschnitt. Die Zahlen dort bezogen sich auf eine andere Rechnung und zusÀtzlich waren Tippfehler drin.