11. April 2023 – Patrick Reimann Allgemein, MERD, Studentische Grubenwehr (StudGru), Übung

Studentische Gruben- und Gasschutzwehr der TU Bergakademie Freiberg bei internationalem Wettbewerb erfolgreich

Beim internationalen Wettkampf studentischer Grubenwehren, dem Mine Emergency Response Development (MERD), an der Colorado School of Mines belegte das Team der TU Bergakademie Freiberg den zweiten von sieben PlĂ€tzen. Das theoretische Wissen und die praktischen FĂ€higkeiten stammen aus den Lehreinheiten der Professur fĂŒr Rohstoffabbau und Spezialverfahren unter Tage, als auch der studentisch gefĂŒhrten AG Grubenwehr.

Motivation und Herausforderung

Zum dritten Mal nach 2017 und 2019 ist die studentische Gruben- und Gasschutzwehr der TU Bergakademie Freiberg in diesem Jahr beim Vergleichswettkampf MERD in den USA angetreten. Die Freiberger Delegation bestand diesmal aus den fĂŒnf Bergbaustudenten Matthias Schultheis (Captain), Daniel Sensenschmidt (Gas Man), Patrick Reimann (Map Man), Erik Farys (First Aid Man) und Markus Fischer (Co-Captain) sowie dem Doktoranden Georg Meissner (Trainer/Fresh-Air Base) und Professor Helmut Mischo (Abbildung 1). Nachdem im Jahr 2019 bereits ein guter vierter Platz in der Gesamtwertung belegt wurde, konnte sich das Freiberger Team weiter steigern und landete auf einem hervorragenden zweiten Rang. Die Konkurrenz war in diesem Jahr mit vier US-amerikanischen und zwei kanadischen Teams ausschließlich nordamerikanisch geprĂ€gt. Es wurden beim Wettkampf die US-amerikanischen Standards und Leitlinien zu Grunde gelegt. Die Bewertung der Disziplinen erfolgte durch hauptamtliche Grubenwehrausbilder, Vertreter des regionalen Rettungs- und SanitĂ€tsdienstes sowie Fachpersonal des National Institute for Occupational Safety and Health (NIOSH) und der Mine Safety and Health Administration (MSHA).

Die Wettkampftage mussten von den Studenten geschlossen als Grubenwehrtrupp absolviert werden. Im Gegensatz zu deutschen Grubenwehrtrupps, in denen alle Positionen im Trupp durch eine umfassende Ausbildung von jedem Wehrmann belegt werden können, besitzen US-amerikanische Trupps eine andere Aufgabenverteilung und Formation (Abbildung 2). In der Regel sind die WehrmĂ€nner ausschließlich auf ihre entsprechende Position im Trupp spezialisiert. So wird ein Trupp in den USA vom Captain (TruppfĂŒhrer) nicht nur hierarchisch geleitet, sondern auch auf der ersten Position angefĂŒhrt. Der Captain als Kopf des Trupps ist fĂŒr die untertĂ€gige ErsteinschĂ€tzung der VerhĂ€ltnisse zustĂ€ndig. Er entscheidet nach RĂŒcksprache zur im Frischwetterbereich befindlichen Fresh-Air Base (Bereitschaftsstelle) ĂŒber ein Grubenwehrtelefon oder Funk, wie das weitere Vorgehen in der Grube gemĂ€ĂŸ des Einsatzauftrages bewĂ€ltigt werden kann. Hinter dem Captain reihen sich an der zweiten Stelle der Gas Man (Spezialist fĂŒr Gasmessungen), an der dritten Position der Map Man (Spezialist fĂŒr RisswerksfĂŒhrung) ein. Diese beiden WehrmĂ€nner unterstĂŒtzen den Captain mit Informationen zur Zusammensetzung der AtmosphĂ€re, zur Lokation innerhalb der Grube sowie plötzlichen Änderungen und Besonderheiten. Auf der vierten Position befindet sich der First Aid Man (Spezialist fĂŒr Erste Hilfe), der sich bei der Auffindung von Verunfallten zunĂ€chst federfĂŒhrend der Versorgung und Behandlung der Personen widmet. An der fĂŒnften und letzten Stelle im Trupp ist der Co-Captain (stellv. TruppfĂŒhrer) zu finden. Dieser ĂŒbernimmt im Falle des Ausfalls des Captains das Kommando und hĂ€lt dann die Kommunikation zur Fresh-Air Base aufrecht.

Der Wettkampf MERD und seine Disziplinen

Der dreitĂ€gige Wettkampf MERD fand vom Mittwoch, den 22.02.2023, bis zum Freitag, den 24.02.2023, an der Colorado School of Mines statt und setzte sich aus mehreren Disziplinen zusammen. Die BergbauuniversitĂ€t mit Sitz in Golden betreibt außerdem die Edgar Experimental Mine inmitten der Rocky Mountains in Idaho Springs. Der erste Wettkampftag diente der Gewinnung eines groben Überblickes ĂŒber das GrubengebĂ€ude und die Aufgaben der bevorstehenden Tage. Es wurde zunĂ€chst ein Teil der Grube fußlĂ€ufig befahren und die Kartierung der vorgefundenen VerhĂ€ltnisse auf einem Grubenriss trainiert. Im Anschluss daran wurden die Grundlagen des US-amerikanischen Rettungswesens im untertĂ€gigen Vorlesungssaal durch ein Jury-Mitglied erlĂ€utert und hier bereits erste Unterschiede zum deutschen System festgestellt. SpĂ€ter fand im ĂŒbertĂ€gigen Klassenraum auf dem Bergwerk eine Seil- und KnotenkundeĂŒbung statt, bei der Techniken zur Selbst- und Fremdrettung demonstriert und von den Wettkampfteilnehmern auch praktiziert wurden (Abbildung 3).

Mit dem zweiten Wettkampftag stand die erste als Trupp zu absolvierende Disziplin bevor. Im Kellergeschoss eines UniversitĂ€tsgebĂ€udes in Golden wurde ein Mass Casualty Scenario (Massenverletztenereignis) vorbereitet. Hierzu wurde in einem als Kammer-Festen-Bau nachempfundenen Parcours ein Sprengunfall simuliert und mit Schreien der Verunfallten, Verdunklung, Nebelmaschinen und Signalhörnern in Szene gesetzt. Es galt als fĂŒnfköpfiger Trupp alle neun Leicht- bis Schwerverletzten vor Ort schnellstmöglich zu versorgen, zu evakuieren und nach einer Triage dem Rettungsdienst zu ĂŒbergeben. Die simulierten Verletzungen reichten von stressinduzierter Hysterie und SchĂŒrfwunden ĂŒber offene BrĂŒche an Armen und Beinen sowie Verbrennungen am ganzen Körper bis hin zu WirbelsĂ€ulen- und tödlichen Verletzungen (Abbildung 4). Es konnten alle Verletzten erfolgreich gerettet werden. Nach der praktischen Anwendung der Ersten Hilfe-Kenntnisse musste dieses Wissen spĂ€ter auch in einem schriftlichen Test nach US-amerikanischen Standards nachgewiesen werden. Des Weiteren musste der Umgang mit einem Defibrillator wĂ€hrend einer Herz-Lungen-Wiederbelebung separat demonstriert werden.

Das Fachwissen in der GerĂ€tekunde wurde ebenfalls am zweiten Wettkampftag begutachtet. Unser zum GerĂ€tewart qualifizierter Wehrmann, welcher im DrĂ€gerwerk in LĂŒbeck extra eine eintĂ€gige EinfĂŒhrung in das DrĂ€ger BG 4 erhielt, musste sich im Rahmen des Benching theoretischen und praktischen PrĂŒfungen zum KreislaufatemgerĂ€t unterziehen. Teil dieser Disziplin war einerseits der Zusammenbau eines DrĂ€ger BG 4 mit all seinen Komponenten inklusive des anschließenden Tests. Ferner mussten an einem zweiten GerĂ€t Fehler erkannt und behoben werden. FĂŒr ein deutsches Team war es ungewohnt, dass diese Disziplin nicht in erster Linie auf QualitĂ€t, sondern insbesondere auch auf Zeit zu absolvieren war.

Am dritten und letzten Wettkampftag war der Trupp, aber auch die Fresh-Air Base unter Tage gefordert. Unter scharfem GerĂ€t musste in einer zweieinhalbstĂŒndigen Übung ein simuliertes Einsatzszenario bewĂ€ltigt werden. Der Einsatzauftrag beinhaltete die Rettung dreier vermisster Personen im nordwestlichen Teil der Grube infolge eines Sprengunfalls. Nach kurzer Lagebesprechung wurde die umfangreiche Erkundung in nordwestliche Richtung begonnen. Neben wechselhafter AtmosphĂ€re und Bereichen geringer GebirgsstabilitĂ€t wurde die Erkundung von einer BrandbekĂ€mpfung erschwert. Aufgrund entstandenen Rauches und nicht atembarer AtmosphĂ€re wurde zwischenzeitlich die Sicherung der TruppmĂ€nner an einer Leine notwendig (Abbildung 5). Nachdem nach einer Stunde eine erste leblose Person aufgefunden werden konnte, wurde anschließend nach den anderen beiden Vermissten weitergesucht (Abbildung 6). Das Szenario nahm eine ĂŒberraschende Wendung, als der Captain nach zwei Stunden von der Jury angehalten wurde im Bereich eines Überhauens mit unwegsamer Sohle eine plötzliche Bewusstlosigkeit zu simulieren. Von nun an mussten die vier ĂŒbrigen WehrmĂ€nner die medizinische Versorgung des Captains sicherstellen, diesen und sein KreislaufatemgerĂ€t mithilfe eines Spineboards zunĂ€chst von der Sohle aufnehmen und anschließend auf dem fahrbaren Schleifkorb sichern. Das Kommando ĂŒbernahm fortan der Co-Captain, der nun einen kontrollierten RĂŒckzug einleitete (Abbildung 7).

Das Team der TU Bergakademie Freiberg ging im gesamten Wettkampfgeschehen, insofern möglich, gemĂ€ĂŸ den deutschen Vorschriften und Leitlinien vor und wich dabei stellenweise von den US-amerikanischen Standards ab. Das Vorgehen und Knowhow des Freiberger Teams ĂŒberzeugte die Jury dennoch in allen Bereichen, insbesondere auf den Gebieten der Ersten Hilfe und dem Umgang mit Verunfallten. Trotz der Unterschiede der US-amerikanischen und deutschen Systeme, konnte der zweite Platz belegt werden, was auf monatelanger universitĂ€rer Ausbildung und akribischem Selbststudium beruht. Zwar ist eine studentische Gruben- und Gasschutzwehr allein schon aus rechtlichen und versicherungstechnischen GrĂŒnden kein im Ernstfall einsatzfĂ€higes Rettungsinstrument, doch werden die zukĂŒnftigen Absolventen fĂŒr das Berufsleben und ihre Verantwortung als Leitungspersonen sensibilisiert (Abbildung 8).

UniversitÀre Lehre und Vertiefung in studentischer Arbeitsgemeinschaft

Die Professur fĂŒr Rohstoffabbau und Spezialverfahren unter Tage bietet mit zwei außergewöhnlichen Lehrveranstaltungen grubenwehrinteressierten Studenten interessante und abwechslungsreiche Einblicke in das Grubenrettungswesen. Im Grundlagenmodul „Sicherheit und Rettungswerke in der Rohstoffindustrie“ wird zunĂ€chst theoretisches Wissen zu rechtlichen Aspekten, zu erfolgreichem Risiko- und Krisenmanagement in Bergbaubetrieben, als auch dem Aufbau und der Funktionsweise von Rettungswerken, Gruben- und Gasschutzwehren vermittelt. Nach der Absolvierung dieses Moduls sowie der Erlangung der Tauglichkeitsuntersuchung fĂŒr AtemschutzgerĂ€te der Klasse 3 (G 26.3) kann das Nachfolgemodul „Studentische Gruben- und Gasschutzwehr“ besucht werden. Die dazugehörigen Lehreinheiten sind sowohl in theoretische als auch praktische Abschnitte auf dem Forschungs- und Lehrbergwerk Reiche Zeche unterteilt. Das Modul wird mit einer untertĂ€gigen GewöhnungsĂŒbung unter TrainingsgerĂ€t abgeschlossen, bei dem die Studenten als Grubenwehrtrupp agieren mĂŒssen. Die Lehrveranstaltungen werden mit einer jĂ€hrlich stattfindenden GroĂŸĂŒbung untermauert, bei der die Studenten in einem simulierten komplexen Einsatzszenario als Krisenstab ĂŒber Tage zusammenarbeiten mĂŒssen.

AußeruniversitĂ€r werden die Lehrinhalte im Kreis interessierter Studenten verschiedener Semester und Fachrichtungen, der AG Grubenwehr, einer Arbeitsgemeinschaft des Studentenrates, vertieft. In den alle zwei Wochen Donnerstagabend stattfindenden Sitzungen werden in Form von Safety Moments stets grundlegende Erste Hilfe-Techniken praktiziert und durch grĂ¶ĂŸere Erste Hilfe-Übungen in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden untermauert. Die rund 20 Mitglieder bilden sich in ihrer Freizeit in den Sitzungen gegenseitig durch VortrĂ€ge, ĂŒbertĂ€gige TrockenĂŒbungen und den Erfahrungsaustausch weiter. So geben bspw. der Feuerwehr oder dem THW angehörige Studenten ihre Kenntnisse und FĂ€higkeiten im Bereich der BrandbekĂ€mpfung, des Funkens oder der Knoten- und Seilkunde weiter. Außerhalb der Sitzungen werden gemeinsame Exkursionen in aktive Gewinnungsbetriebe und Besucherbergwerke, aber auch zu Grubenrettungsstellen organisiert. Zwar stehen der AG Grubenwehr nur begrenzt TrainingsausrĂŒstung und finanzielle Eigenmittel zur VerfĂŒgung, um regelmĂ€ĂŸig auf einem höheren Niveau zu ĂŒben, jedoch können untertĂ€gige Übungen durch die UnterstĂŒtzung aus der Wirtschaft und Industrie, aber auch der Professur fĂŒr Rohstoffabbau und Spezialverfahren unter Tage in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden verwirklicht werden. Vor allem in Hinblick auf den alle zwei Jahre stattfindenden MERD-Wettkampf in den USA soll so gezielt umfassend und detailliert auch außerhalb der Vorlesungszeit trainiert werden. So verwundert es auch nicht, dass alle fĂŒnf Studenten des Freiberger Teams zum Wettkampf in den USA Mitglieder der AG Grubenwehr sind (Abbildung 9).

Ein herzliches Dankeschön fĂŒr die UnterstĂŒtzung zum MERD-Wettkampf im Jahr 2023 gilt der GlĂŒckauf-Clara-Stiftung, der Redpath Deilmann GmbH, dem Verband Bergbau, Geologie und Umwelt e. V., der MSW-Chemie GmbH, der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft mbH, der Ercosplan Unternehmensgruppe, der Hermann Paus Maschinenfabrik GmbH, der Lausitz Energie Bergbau AG, DrĂ€ger Safety AG & Co. KGaA sowie der TU Bergakademie Freiberg und dem Verein der Freunde und Förderer der TU Bergakademie Freiberg e. V.

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